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112 AM HAUPTBAHNHOF

19:10 Uhr, Bahnsteig an den Gleisen 8 und 9, Aachener Hauptbahnhof. Endlich Feierabend.
Ich steige aus meinem Zug und schlendere Richtung Treppe. Ich höre ein lautes Quieken. Ich schaue hoch -- ach so, der Zug fährt gerade wieder an.
Weiter Richtung Treppe. Da ist es wieder.
Nein, das ist kein mechanisch quietschendes Geräusch, wie man es schonmal an Bahnsteigen vernimmt, das ist... VERDAMMT!!! Ich sehe, wie eine junge Frau irgendwomit (ich glaube es ist ihre Tasche, die sie umhängen hat) in der mittlerweile geschlossenen Tür des rollenden Zuges festhängt und vom Zug mitgeschliffen wird. Mittlerweile schreit sie wie am Spieß. Sie gerät zwischen Zug und Bahnsteigkante.
OH GOTT!!! (das ist alles wozu ich im ersten Moment in der Lage bin zu "denken") Der Zug nimmt stetig an Geschwindigkeit zu. Ich renne hin -- sie schreit -- ich sehe nur noch ihren Oberkörper, wie er zwischen Zug und Bahnsteig gezerrt wird. OH GOTT, was tun?
Warum merkt denn kein Schaffner, kein Zugführer etwas? Warum zieht keiner im Zug die Notbremse? Warum hat bloß nie jemand Notbremsgriffe außen am Zug angebracht?
Von ihr ist jetzt gar nichts mehr zu sehen, sie ist nun komplett unter dem Zug.
Nein, sowas passiert in Filmen und in den Nachrichten, aber doch nicht am Aachener Hauptbahnhof! Mir wird ganz schlecht und mulmig. Reflexartig halte ich mir die Augen zu -- ich will das nicht sehen. Ich will nicht sehen, wie jemand stirbt! Ich fühle mich so hilflos.
Ich schaue wieder hin. Ich sehe sie nicht, aber ich höre neben dem ratternden Geräusch des Zuges immer noch ihre Schreie und weiß nicht, ob das gut ist, oder nicht. Ich bin fast an der Bahnsteigkante angekommen und zücke mein Handy, während der Zug langsam nun doch zum Stehen kommt -- 112.
"Hier ist jemand am Aachener Hauptbahnhof vom Zug erfasst worden. Gleis neun. Schicken Sie bitte schnell einen Notarzt!"
Ich bin an der Bahnsteigkante angekommen, lege auf (die beiden letzten "W-Fragen", die man in den Erste-Hilfe-Kursen eingebläut bekommt "Wer meldet?" und "Warten auf Rückfragen!" entfallen mir in diesem Moment) und traue mich fast nicht runter zu schauen. An der Stelle, wo ich sie zuletzt sah, ist nun genau das Ende des Zuges, der mittlerweile steht. Ich sehe sie. Sie liegt dort unten, zwischen Schiene und Bahnsteig. Das Gesicht etwas aufgeschürft, die Kleidung zerissen, sie winselt.
Ich springe zeitgleich mit drei anderen Männern runter auf die Gleise. Einer der Männer spricht sie an, sie murmelt irgendetwas, was ich nicht verstehe. Die Frau ist kreidebleich, aber hat die Augen geöffnet. Das einzig Sinnvolle, was mir in dem Moment einfällt, ist ihr die Beine hochzuhalten. Ich fühle mich immer noch ziemlich hilflos, aber höre mich innerlich sagen: "Du bist jahrelang Krankenpfleger auf einer Intensivstation gewesen -- du musst wohl oder übel jetzt ein paar Anweisungen geben." Doch dazu kommt es gar nicht erst. Ich höre wie der eine Mann den anderen fragt: "Sind sie Kollege?" (als [Ex-]Krankenpfleger weiß ich, dass das im Fachjargon soviel heißt wie: "Ich bin Arzt und höre an den Fachausdrücken, die Sie verwenden und sehe an der Art, wie Sie mit der Situation gerade umgehen, dass Sie höchstwahrscheinlich ebenfalls Arzt sind, oder?)
"Ja, ich bin Internist."
Irgendwie beruhigt mich das und bin froh, dass ich mich auf die Aufgabe beschränken darf der Frau die Beine hochzuhalten. "Hoffentlich, nimmt das alles ein glimpfliches Ende", denke ich mir.
Eine Frau beugt sich vom Bahnsteig zu mir herab und fragt, ob Sie helfen könne -- sie sei Ärztin. Ich teile ihr mit, dass sich hier unten bereits zwei Ärzte befinden.
Mittlerweile outet sich der dritte Mann, der neben der Frau kniet: "Ich bin der leitende Notarzt der Stadt Aachen."
Ja, Halleluja -- kleine Ärzteversammlung am Hauptbahnhof!

Die Frau ist bei Bewusstsein und hat Schmerzen am Rücken, linken Arm und Kopf, aber sie kann alles fühlen und bewegen. Das Personal der Deutschen Bahn versucht irgendwo eine Decke oder einen Notfallkoffer aufzutreiben. Fehlanzeige, gibt's nirgends. Nur Feuerlöscher.
Die Polizei steht am Bahnsteig und fragt mich, was sich zugetragen habe.
Der Rettungsdienst trifft ein.
Jemand übernimmt die Beine, ich klettere wieder auf den Bahnsteig, wo die Polizei meine Personalien zwecks Zeugenaussage aufnimmt. In dem Moment merke ich, wie ich selber am ganzen Körper zittere...

Es sieht so aus, als hätte heute Abend eine junge Frau in Aachen wahnsinniges Glück im fürchterlichen Unglück gehabt. Gott sei Dank!

Bloggen ist Therapie, danke für's Zuhören.
7.12.06 21:29
 
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