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DIE WELT ZU GAST BEI FREUNDEN?!

Ja. Nein. Ich mein: Jein!

Ich will gar nicht viele Worte über das Spiel oder dessen Ausgang verlieren -- dafür gibt's die Fachleute. Viel faszinierender finde ich es die Menschen, die allenorts hinter den Bildschirmen mitfieberten, nach dem Match zu studieren.

Quer durch die Aachener Innenstadt ging meine Heimfahrt mit dem Rad. Zuerst fuhr ich durch die sonst um diese Uhrzeit menschenleere Haupt-Einkaufsstraße. Viele Fans trotteten dort nach Hause. Einen entäuschten aber nicht resignierten Eindruck machten die Schwarz-Rot-Gold-Bemalten auf mich. Dazwischen auch immer wieder einige strahlende Menschen mit einer umgehängten Italien-Flagge. Alles in friedlicher Ko-Existenz.
"Klar, darüber schreib' ich gleich einen Blogeintrag!" war mein erster Gedanke. "Die Welt zu Gast bei Freunden" lautet schließlich das Motto, das sich irgendwelche FIFA-Marketing-Experten haben einfallen lassen. Zurecht, dachte ich! Schön, in einem solchen Land leben zu dürfen.

Richtung Zentrum, Gegröhle:
"Scheiß Italiener. Wir singen Scheiß Italiener. Scheiß Italieeeeeener. Wir singen...".
Naja, gibt wohl immer ein paar Deppen -- andererseites ist ein wenig Entäuschung wohl normal und dann tut das Bier sein Übriges. Oder?
Auf dem Markt eine mittelgroße Truppe feiernder Italiener mit Trommeln und Trikots. Da wo sonst die Fans der Aachener Alemannen sich nach großen Siegen treffen, besingen nun die Römer den Sieg über "Germania". Wenigstens sind die Deutschen faire Verlierer, denk'ich mir, und können anderen ihren Sieg auch gönnen. Nicht so wie Argentinien...
Ich nähere mich dem Studentenviertel, die Menschendichte nimmt stetig zu. Ein Pärchen -- sie mit "Italia", er mit "Deutschland" auf der Brust -- schlendert Hand in Hand und sie singen irgendwas mit "Brasil". OK, warum nicht?
Zwei Jungs, kahl rasiert (muss ja nix heißen, hab' auch nicht mehr so viele Haar auf'm Kopp) gehen an mir vorüber. Der mit dem in Frakturschrift gehaltenem Pitt-Bull-Schriftzug auf dem Shirt lallt vor sich hin: "Scheiß Itaker!", worauf der andere erwidert "Ach, Scheiß Kanacken, Aue!".

Inzwischen schwarz, weiß, rot, gold, grün, weiß, rot, blaue Reizüberflutung -- die Studenten- und Feier-Meile ist erreicht.
Luigi, der italienische Eisverkäufer (der heißt tatsächlich so), drückt gerade jemandem ein Eis in die Hand. Was der Kunde, der sich über die Theke beugt, ihm gerade ins Ohr ruft, kann man in dem ganzen Getöse nur erahnen. Luigi strahlt jedenfalls. Eine Gruppe Deutscher, scheinbar gut gelaunt, zieht vorbei und singt mit einem lachenden und einem weinenden Auge "Nie wieder Pizza. Wir wollen nie wieder Pizza. Nie wieder Piiiiiiiizza. Wir wollen...". Naja, ob sie sich nächste Woche wohl noch an den Vorsatz erinnern?

Eine handvoll halbstarker jugendlicher Italiener zieht durch die Menge. Sie schubsen und pöbeln jeden an der ein weißes Trikot trägt. Es kommt fast zu einer Schlägerei, aber ruckzuck entpuppen sich einige unscheinbare Männer, die bisher unbeteiligt in Jeans und beigen Westen am Straßenrand standen, als Polizisten in zivil. Sie zücken ihre Funkgeräte, übernehmen die Rolle des Schiedsrichters in der Nach-Spiel-Zeit und beruhigen alle wieder. Trotzdem, als die italienische Truppe von dannen zieht, rempelt sie fröhlich weiter.

Die Pontstraße ist -- wie so oft nach Fußballspielen -- für Autos nicht mehr passierbar. Der letzte große Pulk, der zwischen mir und meiner Wohnung liegt, befindet sich nun vor mir. Mein Fahrrad muss ich schieben und dabei schaue ich tief in alle Gesichter, die ich passiere. Alles dabei: Freude bis Trauer und alle Abstufungen die dazwischen liegen.
Es gibt auch einige, die ihr hässliches Gesicht zeigen: "Ey, ey, da kommt einer von den Wichsern!" höre ich nur im vorbeigehen. Die Blicke wandern auf einen kleinen, unauffälligen Typen, der alleine die Straße entlang schreitet. Also, fast unauffällig -- bis auf die übergroße grün, weiß, rote Fahne, die er wie ein Superman-Cape trägt. Um ihn scharen sich nun drei, vier Spacken, die ihn wie einen Schulhof-Außenseiter zwischennehmen, rumschubsen und dabei "Scheiß Italiener" skandieren. Ich bleibe stehen und will gerade meinen Mut zusammennehmen, um dazwischen zu gehen, da erledigen das zum Glück schon unsere Freunde und Helfer in grün. Während die Herren Polizisten den wahrscheinlich Unverbesserlichen eine Standpauke halten (und es dabei aber auch belassen), läuft noch ein anderer Deutscher dem verschüchterten Italiener hinterher, klopft ihm auf die Schulter und sagt "Ey, ihr habt gut gespielt und verdient gewonnen. Glückwunsch!".

Resümee? Keine Ahnung. War irgendwie alles dabei. Schade, dass es so viele Spastis gibt. Insgesamt bin ich aber dennoch zuversichtlich, dass die gute Stimmung der WM und die vielen fröhlichen und mehrheitlich "anständigen" Menschen noch viele positive Impulse und Eindrücke -- nach außen hin und auch innerhalb Deutschlands -- abgeben und erwecken werden.
Wie war das doch gleich? Du bist Deutschland? In diesem Sinne.
5.7.06 02:25
 
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